Donnerstag, 19. Januar 2017

Erschreckend glaubwürdig [Rezension] Dschihad Calling von Christian Linker

Ein mehr als glaubwürdiges Buch, das nachdenklich stimmt.

Infos zum Buch:

Autor: Christian Linker
Titel: Dschihad Calling
Format: Taschenbuch
Genre: Jugendbuch
Umfang: 320 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Erscheinungstermin: 09. Dezember 2016
Preis Buch: 8,95 €
Preis ebook: 6,99 €
ISBN-10: 3423717238
ISBN-13: 978-3423717236

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*dtv Verlagsgesellschaft*



Als der achtzehnjährige Student Jakob eines Nachts durch eine dunkle Unterführung geht, fällt ihm das Mädchen mit dem Hijab, das ihm entgegenkommt sofort auf. Als diese dann von zwei Männern belästigt und angegriffen wird, greift er beherzt ein. Seit dieser Nacht geht sie ihm auch nicht mehr aus dem Kopf und als er dann zufällig ein Foto von ihr findet, ruft er sie kurzentschlossen an. Samira, so heißt die junge Frau, gehört einem Salafisten Verein an und obwohl Jakob bisher nichts mit dem IS anfangen konnte, beginnt er sich allein schon wegen Samira, dafür zu interessieren. Er lernt Samiras Bruder Adil kennen, der viel netter zu sein scheint, als er bisher von Anhänger des IS geglaubt hat und so nach und nach sympathisiert er immer mehr mit ihnen.


Also ich musste dieses Buch wirklich mal einen Moment sacken lassen, denn das, was der Autor hier erzählt, klingt so erschreckend realistisch, dass man schon ins Grübeln kommt. Sehr anschaulich erzählt Christian Linker die Geschichte des jungen Studenten Jakob, der eigentlich ein ganz typischer Studienanfänger ist und eher aus Vernarrtheit in eine Unbekannte in die Tretmühlen der Salafisten gerät. Der Schreibstil ist sehr flüssig, sehr mitreißend und dabei auch wirklich sprachlich so modern, dass man das Gefühl hat, dass hier ein realer Charakter von seinen Erlebnissen erzählt. Deshalb würde ich sagen, dass das Buch nicht nur dem erwachsenen Leser interessante Lesestunden bringen wird, sondern auch die Zielgruppe deutlich anspricht. 
Das Buch ist gleich von Beginn an spannend gehalten, denn man lernt sofort Jakob kennen, der so ein bisschen wie jeder von uns ist. Ein junger Mann, der gerade von zu Hause ausgezogen ist und nun mit seinem Studium begonnen hat und der eigentlich doch ein sehr intelligenter und modern denkender Mensch ist. Die Entwicklung, die er dann allerdings nimmt, ist regelrecht erschreckend. Ich muss ja zugeben, dass ich mir schon häufiger die Frage gestellt habe, wie ein "normal" denkender Mensch, überhaupt in solche Kreise geraten kann. Doch so, wie es hier erzählt wird, ist es durchaus denkbar. 
Geschrieben ist die Geschichte in der Ich-Form, jedoch durfte ich hier gleich zwei unterschiedliche, sich abwechselnde Perspektiven kennenlernen. So erzählt Jakob in der Ich-Form von den Geschehnissen, bzw. davon, wie er überhaupt zu dieser IS-Gruppe gelangen konnte. Aber es gibt auch eine andere Perspektive, nämlich die Adils, Samiras Bruder, der sich den Truppen des islamischen Staates angeschlossen hat und sich nun im Krieg befindet. In einer Art Tagebucheintragung erzählt Adil, wie es ihm während des Krieges wirklich geht und was er dabei erlebt.
Was mich hier sehr fasziniert hat, ist die Beschreibung, wie ein doch eher nicht religiöser Mensch, plötzlich in eine ganz radikale Richtung abdriftet. Das hat der Autor wirklich perfekt rüber gebracht, denn beide Protagonisten, sprich sowohl Jakob als auch Adil, sind eigentlich zwei junge Männer aus Deutschland, die zuvor nicht religiös waren. Während es bei Adil wohl eher die Perspektivlosigkeit war, die ihn soweit brachte, ist es bei Jakob etwas ganz alltägliches: er fühlt sich zu Samira hingezogen. Das, was er dann innerhalb der Salafistengruppe erlebt, nämlich das Gefühl von Verständnis und Verbundenheit, ist für ihn so greifbar, dass auch er sich nicht entziehen kann. 
Beide Charaktere machen innerhalb der Erzählung starke Entwicklungen durch, wobei mich Jakob mehr als einmal mit dem Kopf schütteln ließ, mir fiel es auf jeden Fall extrem schwer, mich in ihn hineinzuversetzen, weil ich mich auch nicht mit dem Gedankengut anfreunden kann. Auch Adils Erlebnissen folgen zu können, war sehr aufschlussreich, wobei ich hier einfach nicht zu viel verraten möchte.


Absolut gelungen, sehr realistisch und glaubwürdig erzählt Christian Linker davon, wie schnell jemand wirklich in ein extrem radikales Denken und Verhalten fallen kann. Die Charaktere sind gut ausgearbeitet und authentisch, die Handlung interessant und sehr greifbar. Eine Geschichte, wie sie sich gleich um die Ecke ereignen kann und die hier sehr anschaulich wiedergibt, wie schnell man in etwas hineingezogen werden kann. Das Buch regt zum Nachdenken an und läßt mich auch weiterhin noch nicht ganz los. Leseempfehlung!


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